Gerechtigkeit und Weltfrieden
Menschliches Recht kann Ordnung schaffen – oder Macht missbrauchen. Die Bibel zeigt, dass nur Gottes Maßstab der Gerechtigkeit Frieden stiften kann und nur der Friede mit Gott die Grundlage für ein gerechtes Leben bildet.
Recht zwischen notwendiger Ordnung und Machtinstrument
Im November 2025 veröffentlichte der Rechtsprofessor Volker Boehme-Neßler in der Zeitschrift Cicero einen Leitartikel zum Thema „Recht als Waffe. Wie der Staat seine Bürger einschüchtert“. Er zeigt darin, wie das Recht in Europa zunehmend als (politisches) Instrument eingesetzt wird. Das ist eigentlich nicht neu, sondern lässt sich schon seit Beginn der Menschheitsgeschichte nachweisen. Der Autor macht ebenfalls deutlich, dass größere Gruppen und Gesellschaften nicht ohne eine verlässliche Ordnung funktionieren, insbesondere hochmoderne Gesellschaften. Beispiele verlässlicher Ordnung sind rote Ampeln und Verträge. Sie zu befolgen, reduziert Konflikte und verhindert Gewalt und Chaos. Und was im Kleinen gilt, gilt auch im Großen, beispielsweise im Völkerrecht, das die Rechtsbeziehungen zwischen Staaten regelt. Ohne dieses Recht würde das Recht des Stärkeren gelten. Recht und Gesetz können aber als Waffe missbraucht werden, z.B. als Instrument willkürlicher Machtausübung und Unterdrückung.
Um die Rechtsgrundlagen eines Landes zu fixieren, so führt Boehme-Neßler weiter aus, hilft eine Verfassung. Indes bedarf sie gesellschaftlicher Akzeptanz. Eine Verfassung ist stets in Gefahr, von Interessengruppen instrumentalisiert zu werden. Funktionierendes Recht für einen gesellschaftlichen Frieden setzt unabhängige Richter voraus. Wer aber das Recht als politische Waffe einsetzt, missbraucht und gefährdet den Rechtsstaat, lokal und global.
Norbert Bolz zeigt in seinem Buch Christentum ohne Christenheit Folgendes: „Gerade weil der moderne Staat seine eigenen Grundlagen nicht garantieren kann, ist heute so viel von ‚Verfassungspatriotismus‘ die Rede. Wenn man aber tiefer lotet, so sieht man, dass diese Rhetorik auf eine Substitution der Bibel durch die Verfassung zielt. Josef Isensee hat deshalb von Verfassungsreligiosität gesprochen; das Grundgesetz fungiert dann als säkulare Bibel. Der Menschenrechts-Humanismus funktioniert dann als die Heilsreligion der Demokratie. Und es fungieren die Grundwerte der Verfassung als Ersatzreligion; sie beanspruchen, eine öffentliche Wertorientierung zu bieten.“
Der Historiker Oliver Zimmer macht in seinem Essay Prediger der Wahrheit. Von der Reformation zur modernen Elitenherrschaft auf folgenden Sachverhalt aufmerksam: „Das eigentliche neue Machtzentrum der Judikative – also das Zentrum der Verrechtlichung demokratischer Politik – liegt heute im transnationalen Bereich. Wenn es heute einen Stand gibt, der von seinem Selbstverständnis her einer neuen Priesterschaft gleicht, dann sind es manche Richter an den internationalen Gerichten … Richter werden heutzutage zwar zumeist von Parlamentariern gewählt oder von Regierungen empfohlen; doch bilden sie eine Art von Elite, die Platons ‚Philosophenkönigen‘ [nahekommt]. Als Mitglieder einer kleinen Fachelite handeln sie, so könnte man sagen, im Stile von Priestern einer säkular verbrieften Wahrheit … Gesamthaft lässt sich bei der zunehmenden Verrechtlichung der Politik deshalb eine Symbiose von traditioneller (Richter und Gerichte) und moderner (moralische Master-Narrative) Epistokratie [Herrschaft der Wissenden] beobachten. Sie ist das Signum unserer Zeit.“
Gerechtigkeit als göttlicher Maßstab
Doch was ist eigentlich Gerechtigkeit? Modernere Sprachtheorien behaupten, dass Gerechtigkeit als Begriff die Bedeutung habe, die ihm von der Gesellschaft in einem Land oder einer Kultur verliehen werde. Sie verneinen eine objektive Gerechtigkeit, da jede Kultur und jeder Einzelne unter Gerechtigkeit etwas anderes verstehen (moralischer Relativismus). Und tatsächlich ist in vielen Gesellschaften zu beobachten, dass einzelne Akteure versuchen, ihrer Vorstellung von Gerechtigkeit durch Einflussnahme auf Institutionen wie beispielsweise Medien und Gerichte Geltung zu verschaffen.
Nicht abstreiten lässt sich jedoch, dass viele Menschen dennoch eine Vorstellung von objektiver Gerechtigkeit haben, wenn sie sich über Unrecht empören, sich auf Prinzipien berufen oder zwischen „legal“ und „gerecht“ unterscheiden. Aus christlicher Perspektive betrachtet, gibt es dafür einen plausiblen Grund. Menschen sind Geschöpfe Gottes und haben ein Gewissen. Sein Gerechtigkeitsempfinden zeigt der Mensch bereits als Kind.
John Lennox verdeutlicht, dass der Gerechtigkeitsbegriff eng mit dem christlichen Selbstverständnis zusammenhängt: „Das Thema ‚Gerechtigkeit‘ ist fundamental für das biblische Denken. Die Wurzel des hebräischen Wortes für ‚Gerechtigkeit‘ ist ein aramäisches Wort, das so viel wie ‚gerade‘, ‚eben‘, ‚die Wahrheit reden‘ bedeutet; es bezieht sich auf die moralischen Qualitäten der Aufrichtigkeit, Integrität, Wahrhaftigkeit, Rechtschaffenheit und Transparenz im Denken, Reden und Tun, und die im privaten Bereich sowie in der Öffentlichkeit“. Weiter führt er aus: „Wir müssen uns immer das objektive moralische Prinzip der Gerechtigkeit vor Augen halten. Wenn es um die Praxis geht, können unterschiedliche Menschen, politische Parteien, Regierungen und Länder zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen, welche konkreten Handlungen die Gerechtigkeit nun von ihnen verlangt. Aber diese Unterschiede bedeuten nicht, dass das Konzept und der Maßstab der objektiven Gerechtigkeit sinnlos wäre und abgeschafft werden könnte. Wir alle bleiben in vieler Hinsicht hinter dem objektiven Maßstab zurück … Aber wenn man den objektiven Maßstab aufgibt, hat man keine Grundlage mehr für eine rationale Debatte und hat auch keine Richtlinie mehr für Reform und Fortschritt“.
Friede durch Jesus Christus – jetzt und für immer
Schon Psalmisten und Propheten des Alten Testaments sahen einer Zeit entgegen, in der Gott die ganze Welt richten und regieren würde (z.B. Psalm 96,9–13) – nach seiner universellen, objektiven, absoluten Gerechtigkeit. Universelle, objektive moralische Werte sind im Charakter und Willen Gottes begründet. Gott hat die Welt und uns geschaffen. Wenn Gott der Schöpfer ist, der die grundlegenden Prinzipien und Forderungen des Moralgesetzes in unser Herz geschrieben hat, wird er auch derjenige sein, dem wir dafür Rede und Antwort stehen müssen, wenn wir diese Prinzipien ignorieren oder ablehnen. Wir können uns also entscheiden, die Forderungen von Gottes Gesetz zu erfüllen, aber wir können sie auch missachten, ignorieren, verzerren, verdrehen und ablehnen. Dies ist aber nicht nur theoretisch, sondern hat etwas mit Liebe und Hingabe zu tun.
Wenn wir in Missachtung unseres Schöpfers und seiner (in der Bibel offenbarten) Grundsätze leben, so sündigen wir und leben an der Realität vorbei, mit zum Teil verheerenden Konsequenzen. Im Alten Testament befreite Gott zunächst sein Volk Israel aus der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sklaverei in Ägypten. Dann gab er ihm die Möglichkeit, einen Bund mit ihm einzugehen, sein Volk zu sein und seine Gesetze einzuhalten. Und er sicherte den Menschen Vergebung zu, wenn sie seine Gesetze brechen, aber wieder umkehren würden. Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments hat Jesus Christus durch seinen stellvertretenden Sühnetod am Kreuz die Möglichkeit geschaffen, Menschen mit Gott zu versöhnen. Wenn der Mensch dieses „Evangelium des Friedens“ (Eph 6,15) annimmt, ist er durch den Heiligen Geist befähigt, Gottes Gesetze zu verstehen, zu lieben, ihnen zu folgen und gerecht zu handeln. Friede mit Gott durch Jesus Christus befähigt den Menschen also zu einem gerechten Leben im Einklang mit Gottes Willen.
Wirklicher Friede ist demnach ohne Gerechtigkeit nicht möglich. Und Gerechtigkeit hängt eng mit Wahrheit zusammen. Wesentliche Voraussetzung für Harmonie ist moralische Integrität. Heute werden verheerende Versuche unternommen, Konflikte zu lösen (oder Utopien zu bauen), ohne nach der Moral zu fragen. Oder es wird eine „Moral“ propagiert, die mit der biblischen nichts oder kaum etwas zu tun hat. Weder die NS-Verbrechen noch die Verbrechen im Namen des Kommunismus wurden aufgrund moralischer Gleichgültigkeit begangen. Es ging bei beiden um nichts weniger als die Ausmerzung dessen, was die Machthaber als „böse“ verstanden. Und das Pathos der angeblichen Menschheitsrettung von so manchen sich als Rettung ausgebenden Ideen oder Philosophien hat nichts von seiner Gefährlichkeit verloren.
So ist zu konstatieren, dass wir heute – in gewisser Weise sogar schon seit dem Sündenfall – von einer Krise der Wahrheit und somit auch der Gerechtigkeit sprechen können. Heute zeigt sie sich z.B. auch in widerbiblischen Menschenbildern, die Ungerechtigkeit, Schädigung von Menschen oder auch Tod zur Folge haben. Und wenn biblische Positionen zunehmend als „rechts“ gelten und dadurch legitimiert wird, sie auszugrenzen oder zu kriminalisieren, wird schließlich biblisch-göttliche Gerechtigkeit durch widerbiblisch-teuflische ersetzt. Dies wird als Prinzip in der Drangsalszeit kulminieren, wenn satanische Prinzipien dominieren, aber im Tausendjährigen Reich wird Christus regieren. Dann wird deutlich werden, dass nur seine Gerechtigkeit zum (Welt-)Frieden führen kann, sodass die Menschen „ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden“ werden (Jes 2,4). Endgültigen Frieden werden wiedergeborene Christen erst in der Ewigkeit genießen können, während auf die Feinde Gottes ewiger Unfriede wartet.
Die Aussicht auf einen endgültigen Frieden durch Jesus Christus ist für Christen in Zeiten des Unfriedens auf dieser Erde eine befreiende Perspektive. Bis dahin bleibt ihr Auftrag, Frieden zu verkündigen durch Jesus Christus (Apg 10,36), dem nachzujagen, was zum Frieden dient (Röm 14,19), die Tugenden dessen zu verkündigen, der uns aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat (1. Pet 2,9), und das Licht der biblischen Botschaft auch zur Gerechtigkeit zu verbreiten: „Und sucht den Frieden der Stadt, wohin ich euch weggeführt habe, und betet für sie zu dem HERRN; denn in ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben“ (Jer 29,7).
Jochen Klein

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