Einleitung
„Authentisch“ zu sein gilt als positiv und erstrebenswert. Sowohl in säkularen als auch in christlichen Zusammenhängen wird dieser Begriff oft geradezu als Ideal hingestellt, während das Gegenteil häufig als Verstellung, Heuchelei und Täuschung abgetan wird. Schon länger scheinen die Menschen der westlichen Moderne sehr mit dem Thema eines authentischen Lebens beschäftigt zu sein. So werden heute unzählige Seminare angeboten wie „Authentisch sein, aber richtig“ oder auch für bestimmte Bedürfnisse: „Authentisch Frau sein“. Und unzählige Buchtitel wie „Authentisch sein“, „Authentisch Mensch sein“ und „Authentisch leben“ bestätigen diesen Trend.
Mindestens bis ins Mittelalter hinein konnte man sich an einer festgelegten göttlichen Ordnung und seiner daraus resultierenden Aufgabe in der Gesellschaft orientieren. Der Lebensweg war weitgehend vorgegeben. Was wir heute die Identität einer Person nennen würden, war damals durch ihre soziale Stellung stark mitbestimmt. Das heißt, der Hintergrund, der die von jemandem für wichtig befundenen Dinge verständlich machte, war in hohem Maße mit seiner Stellung in der Gesellschaft und der mit dieser Stellung jeweils einhergehenden Rolle oder den entsprechenden Tätigkeiten verbunden.
In den durch Wertepluralismus gekennzeichneten heutigen Demokratien ist das oft anders. Die Menschen müssen zwischen einer Vielzahl miteinander konkurrierender Werte und den damit verbundenen Lebensstilen wählen, mit dem Ziel, die für sie passende Lebensweise zu finden. Dabei ist das Konzept des „authentischen Lebens“ zentral geworden. Vielfältige Erscheinungsformen davon sind an die Stelle einer an der Bibel orientierten Lebensweise getreten, sodass es sich in gewisser Weise um ein Gegenkonzept zum Christentum handelt. Damit soll aber nicht bestritten werden, dass Teilaspekte durchaus beachtenswert sind.
Wenn Authentizität also in der Gegenwart eine zentrale Sehnsucht zu sein scheint, kann das auch eine Reaktion auf die zunehmende gesellschaftliche Komplexität und die Beliebigkeit der Postmoderne sein.
Begriffsdefinition
Hergeleitet vom griechischen Wort authentikós sowie vom Lateinischen authentes, bedeutet Authentizität zunächst „Echtheit“ im Sinne von „dem Original entsprechend“ und steht für ein zu erstrebendes Ideal der Lebensführung. Ein Mensch führt dann ein authentisches Leben, wenn es aus seinem individuellen Selbstbild heraus entworfen ist und zu seiner Individualität passt. Wertvorstellungen und Handlungsmaximen müssen selbstbestimmt gewählt worden sein. Selbstverwirklichung bezeichnet den Prozess des Aufbaus eines unverwechselbaren, frei kreierten, authentischen Selbst und wird sichtbar im Ausdruck einer besonderen Individualität. „Eindeutigkeit“ und „Wahrheit“ scheinen bei diesem Begriff ebenfalls eine Rolle zu spielen.
Jean-Jacques Rousseau
Das Wort Authentizität war im 18. Jahrhundert noch unbekannt. Trotzdem gilt Jean-Jacques Rousseau[1] (1712–1778) als Urheber des modernen Authentizitätsdiskurses. Nach ihm wird der Mensch nicht – wie bei Immanuel Kant – als rational handelndes Wesen seiner wahren Natur gerecht, sondern durch das Hören auf die innere Stimme der Natur – sein „Gewissen“. Rousseau sieht den Menschen zu zwei Grundorientierungen des Willens fähig: zum Guten und zum Bösen. Von Natur aus sei alles gut, da von Gott geschaffen; doch durch den Einfluss der Kultur, etwa in Form von Meinungen und Praktiken einer Gesellschaft, würden wir die Verbindung zur Natur verlieren und gerieten in Widerstreit mit dem Willen zum Guten. Anstatt auf unsere innere Natur zu hören, ließen wir uns durch Hoffnung auf Bewunderung bzw. aus Furcht vor Strafe in unserem Handeln von dem beeinflussen, was andere von uns denken oder erwarten.
Um das Gute wieder die Oberhand über uns gewinnen zu lassen, sei eine Umgestaltung des Willens erforderlich. Die Vorstellung der Aufklärung, dass wir uns hierzu unserer Vernunft und unseres Intellekts bedienen sollten, entspricht nicht der Rousseau’schen Sichtweise. Vielmehr könnten wir eine authentische, von anderen unabhängige moralische Verbindung zu uns selbst nur wiederherstellen, indem wir gemäß unserem „Gewissen“ handelten. Durch diese Treue zur eigenen inneren Natur entstehe in uns ein moralisches Bewusstsein, d.h. wir erkennten mit Hilfe unserer Empfindungen, die im Einklang mit dem allgemeinen Wohl stehen, das, was eigentlich gut sei, den „Willen Gottes“. Ein authentisches Leben erfordert nach Rousseau, sich von den Meinungen anderer zu emanzipieren und selbstbestimmt allein der Stimme des „Gewissens“ zu folgen. Zielpunkt ist hier nicht im radikal subjektivistischen Sinn die Verwirklichung der Originalität eines jeden einzelnen Menschen, wie der Begriff heute eher verwendet wird, sondern letztlich eher das Gemeinwohl.
Weiterhin ist zentral für Rousseau, dass die gesellschaftliche Ordnung eine Quelle der Falschheit sei. Modern ausgedrückt: der mangelnden Authentizität. Der Mensch werde als moralisch gutes Wesen geboren, durch das gesellschaftliche Umfeld jedoch zum Schlechten verändert. Anders ausgedrückt: „Die Natur ist grundsätzlich gut, und die Entfremdung, die uns verdirbt, ist derart, dass sie uns von der Natur trennt“ (Charles Taylor). Nach Rousseau sind Menschen nicht von Natur aus „Ungeheuer“, sondern werden erst durch gesellschaftliche Konditionierung zu solchen. Es seien die gesellschaftlichen Institutionen, die Korruption und Schlechtigkeit hervorbringen. Dieser Gedanke sollte große Auswirkungen auf Rousseaus Denken über Gesellschaft, Ethik, den Einzelnen und auch über Künste und Wissenschaften haben. In ihnen liege die Gefahr, dass sie Heuchelei und Schlechtigkeit förderten. Dies bringe eine Gesellschaft hervor, in der das Bedürfnis, dazuzugehören und sich anzupassen, den Einzelnen dazu zwinge, dem, was er wirklich sei, untreu zu werden. Die Gesellschaft schaffe sich Regeln, an die sich der Einzelne zu halten habe, um akzeptiert zu werden. Diese Regeln stünden im Widerspruch zur einfachen Ökonomie der leicht erfüllbaren angeborenen Wünsche, die durch die leiblichen Grundbedürfnisse im Naturzustand entstehen würden.
Rousseau behauptet also sehr grundsätzlich, dass es die Gesellschaft mit ihren Beziehungen und Gegebenheiten sei, die den Einzelnen entscheidend negativ forme und verändere. Dies ist für einen Großteil des neuzeitlichen liberalen Denkens elementar und von großer Bedeutung für unsere Gegenwartskultur.
Um es noch etwas konkreter zu formulieren: Die ethischen Erwartungen der Gesellschaft als Ganzes an den Einzelnen seien erheblich. Die beschriebene Entwicklung hänge mit einem menschlichen Grundbedürfnis zusammen: dem Wunsch, von anderen anerkannt zu werden – und zwar in einer Weise, die die eigene Identität würdige. Dies sei aber problematisch, da diese Spannung den Ehrgeiz und auch eine wetteifernde, wenn nicht sogar destruktive Haltung gegenüber anderen fördere. Sie störe durch Raffinesse und persönlichen Erfolg das Gleichgewicht, das im Naturzustand bestehe. Eine authentische Selbstdarstellung, wie sie dem hypothetischen (idealisierten) „Wilden“ möglich sei, der nicht durch die Erwartungen der Kultur belastet werde, bleibe also denen, die in eine Zivilgesellschaft hineingeboren wurden, verwehrt, da diese Gesellschaft ein solches Verhalten nicht zulasse oder sogar bestrafe. Der authentische Mensch werde von der kultivierten Gesellschaft mit Verachtung betrachtet, eventuell sogar als Verbrecher gesehen. Um einer solchen Gesellschaft anzugehören, müsse man daher die persönlichen, natürlichen Wünsche und Instinkte unterdrücken und sich den gesellschaftlichen Verhaltensvorschriften anpassen. Dabei werde man unauthentisch, d.h. seinem inneren (wirklichen) Selbst untreu. Oder um es modern auszudrücken: Am Ende lebe man eine Lüge.
Rousseau baut jedoch nicht nur einen Gegensatz zwischen der angeblichen Unschuld des Naturzustandes und der Verderbtheit der Gesellschaft auf, sondern begründet seine Auffassung von Ethik ähnlich wie z.B. der empiristische Philosoph David Hume (1711–1776) auch im persönlichen Empfinden.
Der zweite bedeutsame Gesichtspunkt in Rousseaus Denken liegt in der Ästhetik als dem Schlüssel der Moral. Der tugendhafte Mensch sei derjenige, dessen Instinkte oder emotionale Reaktionen auf bestimmte Situationen richtig gestimmt seien. Kein Gesetz könne Menschen moralisch machen, wenn ihre Gefühle nicht richtig geordnet seien.
Wenn also nach Rousseau der Mensch im Urzustand von Natur aus die richtigen Gefühle hat, kann das Ziel von Erziehung und Bildung in der realen Welt, in der wir leben, nicht mehr das sein, wofür sie traditionell gedacht war. Es geht dann für den Einzelnen nicht mehr um die Einübung intellektueller, sozialer und moralischer Kompetenzen, die für die Zugehörigkeit zur Gesellschaft notwendig sind. Im Gegenteil: Bei der Erziehung nach Rousseau geht es jetzt darum, die Person in einer Weise reifen zu lassen, die sie genau vor den kulturellen Einflüssen schützt, die die traditionelle Schulbildung kultivieren soll. Diese führe nämlich dazu, sich von dem zu entfremden, wer man wirklich ist. Sie raube einem die Authentizität.
In der christlichen Tradition macht (z.B. für Augustin) die Tatsache, dass der Mensch von Geburt an verdorben und inneren moralischen Konflikten und Verwirrungen unterworfen ist, die Gefühle und Instinkte zu unzuverlässigen, ja geradezu trügerischen Ratgebern für moralisches Handeln. Für Rousseau hingegen ist der Mensch von Natur aus gut, mit geordneten und auf ethische Ziele ausgerichteten Gefühlen ausgestattet, und erst die Kräfte der Gesellschaft verändern ihn negativ. Daher gibt es in seinem Denken auch eine Spannung, die entsteht, weil man Mitglied der Gesellschaft ist und dadurch für deren pervertierte Ambitionen anfällig wird. Das bedeutet: Nur wenn man der inneren Stimme folge, sei man wahrhaft frei und authentisch. Unseren Zugang zur wahren Ordnung der Welt und zu unserem Platz in ihr finden wir demzufolge also vor allem über das Innere.
Viele Ideen Rousseaus sind in der westlichen Kultur (oft in Abgrenzung von biblischen Maßstäben) selbstverständliche Grundannahmen geworden. Er legte z.B. die Grundlage für die Vorstellung, dass der Einzelne am authentischsten ist, wenn er in der Öffentlichkeit die Wünsche und Gefühle auslebt, die sein seelisches Innenleben prägen. Diese Vorstellung ist die philosophische Voraussetzung für die moderne Identitätspolitik, wie sie sich insbesondere in der Sexualpolitik unserer Tage zeigt. In der postmodernen Transgender-Bewegung ist diese Konzeption bezüglich Freiheit und Selbstsein wirksam. Die innere Stimme befreit nach diesem Denken von nahezu allen äußeren Einflüssen – sogar unabhängig von Chromosomen und primären Geschlechtsmerkmalen des Körpers. Dies entspricht, wie oben beschrieben, der rousseauistischen Auffassung, persönliche Authentizität wurzele darin, dass die Natur, frei von äußeren kulturellen Zwängen, und das Selbst, verstanden als innerpsychische Überzeugung, die eigentlichen Wegweiser zu wahrer Identität seien.
Der Authentizitätsbegriff als Kind der Romantik
In der Romantik wird Rousseaus Philosophie eine zentrale Stellung eingeräumt. Durch unsere Gefühle erlangen wir Aufschluss über den Kosmos und die tiefsten Wahrheiten der Moral. Das gute Leben besteht darin, für die Regungen der Natur offen zu sein, die erlebten Empfindungen, wie etwa das Einssein mit der Menschheit, zu artikulieren und für unser eigenes Leben nutzbar zu machen. Indem wir unser Innerstes ausdrücken, gelangen wir zur vollständigen Erkenntnis unserer menschlichen Natur. Jene wird nun erstmals im Hinblick darauf, wie wir leben sollten, als etwas Einzigartiges, für jeden Menschen Individuelles angesehen. Das Authentische gewinnt im Rahmen dieses neu aufkommenden, umfassenderen Begriffs an Bedeutung: Jeder von uns hat dementsprechend die Pflicht, sein Leben auf seine eigene Weise zu gestalten. Bleiben wir unserer Originalität nicht treu, verfehlen wir unseren individuellen Lebenssinn, das, was das Menschsein für uns persönlich bedeutet. Um unser Selbst zu realisieren, müssen wir es in unserem Inneren ausfindig machen und ausdrücken können.
Johann Gottfried Herder
Laut Johann Gottfried Herder (1744–1803) drückt die Sprache neben der Beschreibung der Welt die Empfindungen des Menschen aus, macht ihm sein Innerstes bewusst, indem sie es nach außen bringt, und trägt auf diese Weise zu seiner Verwirklichung bei. Selbst und Sprache seien miteinander verwoben. Indem er sich ausdrücke, erlange der Mensch Selbstbewusstsein, erkläre in diesem Ausdruck, wer er ist und wie er leben möchte, und erkenne sich dadurch als unverwechselbares Selbst an. Dies ist die Auffassung im Hintergrund des modernen Authentizitätsideals und der Ziele „Selbsterfüllung“ oder „Selbstverwirklichung“, in deren Sinn das Ideal normalerweise formuliert wird. Das ist der Hintergrund, der der Kultur der Authentizität auch in ihren heruntergekommensten, absurdesten und trivialsten Formen moralische Kraft verleiht. Dadurch erhält die Vorstellung von der „eigenen Aufgabe“, der man sich widmen will, oder von der „eigenen Erfüllung“, die man finden will, ihren Sinn.
Die Vorstellung von der inneren Natur, die es zu verwirklichen und auszudrücken gilt und die zudem als Maßstab für die Beurteilung von individuellen Lebensweisen und Handlungen dient, hat sich bis in die heutige Zeit erhalten.
Age of Authenticity
Der kanadische Philosoph Charles Taylor (* 1931) schlug 2007 vor, dieses Zeitalter als „Age of Authenticity“ zu bezeichnen. Er macht dabei u.a. folgende Bereiche bewusst: Das „Selbst“ tue seine Gefühle und Ziele dem Umfeld kund und setze diese in einem weiteren Schritt in die Tat um. Für unsere Erfüllung sei die Einheit der Empfindung und Vorstellung von uns selbst wesentlich; nur so könnten wir unser Wesen vollständig zum Ausdruck bringen. Die Freiheit wird nun nicht mehr bloß als Freiheit im Sinne von individueller Unabhängigkeit von äußerem Zwang gesehen, sondern als Wertprinzip, als Synonym für authentischen Selbstausdruck und Selbstverwirklichung. Das authentische Selbst besitze die Freiheit, sich gegen äußere Konformität zur Wehr zu setzen und sich seinen eigenen Lebensweg zu entwerfen. Und schließlich stünden Selbst und Natur miteinander im Austausch, indem sich die Natur durch Denken und Willen, Empfindung und Vorstellung im Menschen, der sie ausdrückt und verwirklicht, widerspiegele; durch das Gefühl einer tiefen Verbindung mit der Natur, symbolisiert im Bild eines alles durchfließenden umfassenden Lebensstroms, ebenso wie einer in der Vereinigung von Selbst- und Mitgefühl empfundenen Verwobenheit mit seinen Mitmenschen soll der Mensch zu einer Einheit mit sich selbst kommen.
Krisen der modernen Identität
Taylors Authentizitätsethik gründet sich auf sein Unbehagen an der Moderne, über das er sich in seinem gleichnamigen Buch äußert. Aufgrund eines seit der Neuzeit veränderten Welt- und Menschenbildes sowie der daraus hervorgegangenen Moralkontexte sehe sich die moderne Identität beim Entwurf eines authentischen Lebens vor neue Herausforderungen gestellt. Individualismus, die Vorherrschaft der instrumentellen Vernunft und ein Mangel an Freiheit seien dabei zentral. Blieben diese Anforderungen unbewusst und somit unbewältigt, könnten sie eine adäquate Selbstverwirklichung blockieren und Identitätskrisen bei den Menschen hervorrufen. Die Krise bestehe außerdem in dem Dilemma, das moderne Selbst- und Weltbild trotz seiner zum Teil zerstörerischen Kräfte in Bezug auf die Identitätsbildung nicht ablegen zu können, da es auf der anderen Seite die Vorstellung von einem authentischen Leben erst ermöglicht habe. Jene Krisen der modernen Identität seien vielfältig.
Gerhard Schulze
Ähnlich beschreibt der Soziologe Gerhard Schulze (* 1944) in seinem Ich-Modell des Inneren Kerns die Idee eines authentischen Lebens: „Obwohl unanschaulich und ungreifbar, hat der Innere Kern in der Auffassung des Selbstverwirklichungsmilieus konkreten Wirklichkeitsgehalt. Es ‚gibt‘ ihn mit gleicher Eindeutigkeit wie den Körper, und er wird als ebenso existenzentscheidend angesehen. […] Wesentliche Komponente dieses Ich-Modells ist eine Art psychischer Prädestinationslehre, die besagt, dass der Innere Kern auf eine ganz bestimmte, gleichzeitig aber nur schwer bestimmbare Entwicklung programmiert ist, als wäre er genetisch disponiert.“
Dahinter steht die Auffassung, dass Handeln und Leben eines jeden Menschen in seinem Innern vorprogrammiert seien und demzufolge ein authentisches Leben von der Entdeckung sowie Verwirklichung dieser tieferen Wahrheit abhänge. Diese Sichtweise von Selbstverwirklichung und Authentizität trat besonders in der Hippie-Bewegung und der Jugendkultur der späten 1960er und 1970er Jahre hervor. Die Studenten wandten sich damals in ihren Protesten und ihrer Lebensweise gegen eine Erfüllung von Rollenerwartungen und Verhaltenskonventionen sowie gegen den gesellschaftlichen Druck bezüglich der Umsetzung traditionell bestimmter Lebenspläne. Um trotzdem eine gewisse Stabilität bei der Verwirklichung des Selbst zu garantieren, berief man sich auf den besagten „Inneren Kern“.
Willkür des Authentischen
Wenn eine Person sagt, jemand oder etwas sei „authentisch“, behauptet sie willentlich oder unwillkürlich Folgendes: Eine Beobachtung lasse Rückschlüsse auf eine Eigenschaft des Beobachteten zu (z.B. eines Menschen oder eines Objekts), und zwar dass dessen äußere Erscheinung mit seinem „wahren Kern“ übereinstimme. Ist dies der Fall, wird das Prädikat „authentisch“ verliehen. Ein extrovertierter Mensch ist „authentisch“, wenn er sich extrovertiert benimmt. Ein italienisches Restaurant ist „authentisch“, wenn Optik und Essen so sind wie in „echten“ italienischen Restaurants. Dieser Gebrauch des Begriffs weist jedoch mindestens zwei Probleme auf: Er unterstellt, dass die Beobachtung objektiv sei (dass also das beobachtet werde, was für den „wahren Kern“ charakteristisch sei) und dass es einen „wahren Kern“ eines Menschen oder Objekts tatsächlich gebe.
Es geht keineswegs darum, diese Erwartungen abzuwerten. Wichtig ist allerdings ein Bewusstsein dafür, dass die Bezeichnung eines Menschen, Ortes oder Objekts als „authentisch“ die entsprechende Eigenschaft nur zuschreibt. Authentizität jenseits dieser Zuschreibung gibt es nicht. Da die Bezeichnung als „authentisch“ lediglich die Übereinstimmung einer Erwartung mit einer Beobachtung konstatiert, lässt sie nur Rückschlüsse zu über denjenigen, der „authentisch“ sagt, über seine Erwartung und Perspektive – was potentiell hochinteressant ist. Wenig bis nichts hingegen sagt die Rede vom „Authentischen“ über den Menschen oder das Objekt aus, der bzw. das als „authentisch“ bezeichnet wird.
Allgemein wird zwischen intersubjektiver und subjektiver Authentizität unterschieden. Ersteres bedeutet, dass die Zuschreibung auf intersubjektiven Kriterien beruht, subjektive Authentizität dagegen auf dem subjektiven Beobachtereindruck einer Übereinstimmung von Wesen und Ausdruck, Erfahrung und Ausdruck sowie Intention und Ausdruck.
Wie wir sahen, suggeriert die Bezeichnung eines Menschen oder Objekts als „authentisch“ das Wissen darum, wie er in Wahrheit beschaffen ist. Aus der Zuschreibung von Authentizität spricht daher ein Wille zur Wahrheit. Neben der Sehnsucht nach Wahrheit und Übersichtlichkeit ist Authentizität auch Sehnsucht nach Kontrolle. Wer über einen Menschen sagt, er sei „authentisch“, glaubt auch, vor unangenehmen Überraschungen geschützt zu sein.
Weiterhin ist Authentizität im Feld gesellschaftlicher Norm ein Sonderfall, weil es sich bei ihr um eine Meta-Norm handelt, da der Begriff sich nicht auf eine konkrete Eigenschaft oder Handlung bezieht, sondern abstrakt für konstatierte Widerspruchsfreiheit steht. Sie ist so gewissermaßen totalitär und als Meta-Norm ein Problem.
Schluss
Eine Gesellschaft, in der Authentizität das prägende Ideal ist, erlaubt es den einzelnen Menschen, sich so zu verhalten, wie sie wollen. So können Minderheiten unter diesem Diktum ihre Identität nach ihren Wünschen ausleben. Das Problem ist, dass die freie Entscheidung eines Individuums, „authentisch“ zu sein, die Freiheit anderer Menschen in manchen Bereichen beschneidet. Im Prinzip muss die Sehnsucht nach Authentizität jedes Wesen oder Verhalten tolerieren, solange es scheinbar authentisch ist.
Unter diesen Voraussetzungen muss die Frage, was „authentisches Christsein“ bedeutet, offen bleiben. Dass dieser Begriff kaum zu definieren ist, mögen folgende Beispiele deutlich machen. Möchte man der Bibel folgen und damit seine eigenen Individualität verbinden und zum Ausdruck bringen? Soll das „echte“, „wahre“ Christsein – was auch immer das sein mag – stets nach außen getragen werden, also zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit anderen vermittelt werden?
Schaut man christliche Internetseiten zu diesem Stichwort durch, findet man den Begriff zunächst oft im Zusammenhang mit der Echtheit von biblischen Texten. Hier ist er eindeutig markiert. Ebenso wenn es z.B. darum geht, dass ein Text tatsächlich von einem Kirchenvater stammt oder gefälscht ist. Bei anderen Beispielen kommt man ins Grübeln: Da soll ein Autor „ehrlich und authentisch“ über die Hutterer geschrieben haben. Predigten sollten „zeitnah und authentisch“ sein und Christen „wahrheitsgemäß, gütig und authentisch“. „Ehrlichkeit und Authentizität“ zögen junge Christen an. Wir sollten den Herrn um ein „ehrliches und authentisches Leben“ bitten und keine „Show“ machen. Es ist zu lesen: Gott „möchte durch das vollmächtige Wirken Seines Heiligen Geistes aus mir und dir einen authentischen Christen machen, dessen Leben von Liebe, Demut, Freundlichkeit, Friede, Geduld, Güte und Treue“ gekennzeichnet ist.
Der Theologe Matthias Sellmann definiert authentisches Christsein so: „Ich glaube, dass es weiterhin auf Interesse stößt, Menschen mit Religion zu adressieren. Authentisches Christsein übersetze ich damit, dass Christen eine Leidenschaft für das Mögliche haben. Es sind Menschen, die es für möglich halten, dass Beziehungen weitergehen, die es für möglich halten, dass man diese Erde retten kann, dass man sich mit dem Nachbarn versöhnen kann, dass Krankheit und Tod nicht das Ende sind. Und dort, wo Menschen das leben, wo sie ein Geheimnis ausstrahlen, wo sie Fröhlichkeit ausstrahlen, wo sie Großzügigkeit, Engagement und Humor ausstrahlen, da wird man vielleicht nicht sagen, das sind authentische Christen, aber man wird sagen, das sind sehr interessante Menschen. Was motiviert diese Menschen?“
Der Leiter eines Missionswerks meint: „Unser Ziel ist es nicht, eine tote Religion zu verbreiten, sondern authentisches Christsein zu vermitteln. Wir möchten möglichst vielen Menschen das Angebot Gottes weitergeben, das in der Bibel mit einem friedvollen, erfüllten und ausgeglichenen Leben definiert ist.“
Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Tobias Künkler stellt fest: „Es gibt keine Stimmigkeit zwischen dem, was auf der einen Seite gesungen und im Gottesdienst gesagt wird, und auf der anderen Seite, was im Leben zu sehen ist“. Er plädiert dafür, dass Christen ihren Glauben authentischer leben, um junge Menschen wieder neu zu erreichen. In diesem Kontext stehe Authentizität für Nahbarkeit, Echtheit und Sympathie. Wer sie besonders hell ausstrahlt, wird – so der Schluss – auch von besonders vielen Menschen im Dunklen gesehen. Und da wir alle Aushängeschilder unseres Glaubens seien, müssten wir dafür sorgen, diesen mit unserem Leben so attraktiv wie möglich nach außen zu tragen. Dass das am Ende alles andere als authentisch wirke, bemerkten zuallererst diejenigen, an die sich die ganze Show richte: die Menschen, die wir mit unserem beispielhaften Leben davon überzeugen wollten, dass ein Leben mit Gott etwas Gutes ist. Das Gute im Leben nach außen tragen, ohne das Schwierige zu verbergen, weil es das makellose Gesamtbild störe, das sei authentisch. Viele Menschen seien abgeschreckt, weil Christen sich zu heilig, zu perfekt gäben, weil sie unrealistische Standards vorlebten, abgehoben wirkten. Und wie groß sei der Aufschrei, wenn diese scheinbar makellosen Heiligen dann bei etwas „Unchristlichem“ erwischt würden.
Es bleibt festzuhalten, dass Christen mit säkularen Modebegriffen etwas vorsichtig sein sollten. Authentizität allein ist kein höchster Wert. Wenn „authentisch sein“ zentral bedeutet, nach den eigenen spontanen Gefühlen, Wünschen oder Impulsen zu handeln, steht das im Widerspruch zur Bibel – die oben aufgezeigten Konzepte sowieso. Der Mensch ist dazu berufen, sich von Gott verändern zu lassen, denn Gefühle und Wünsche sind nicht automatisch moralisch richtig. Nachfolge Christi kann bedeuten, eigene Impulse zurückzustellen, etwa aus Liebe, Vergebung, Selbstbeherrschung oder Opferbereitschaft. Das Christentum betont Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. Ein Christ sollte seine Gefühle nicht verleugnen, sondern sie verantwortungsvoll einordnen und danach streben, in Liebe zu handeln. Wahre Christen haben ihre Identität in Christus. Ihr Sein, Tun und Reden sollte wie bei ihm übereinstimmen. Sie sollten nicht „immer sie selbst“ sein, sondern wahrhaftig und sich von Gott zu dem Menschen formen lassen, zu dem sie berufen sind. Dazu gehört aber auch, dass sie ehrlich in Bezug auf ihre Schwächen sind und diese mit Gottes Hilfe angehen.
In diesem Verständnis ist das Ziel nicht, die momentane Persönlichkeit unverändert auszuleben, sondern im Charakter und Handeln Christus ähnlicher zu werden.
Jochen Klein
Literatur:
Katharina Baeseler: Authentisch leben in pluralistischen Gesellschaften. Voraussetzungen und Krisen. München (GRIN Verlag) 2013.
Erik Schilling: Authentizität. Karriere einer Sehnsucht. München (C.H. Beck) 2020.
[1] Vgl. „Kritisches zu Jean-Jacques Rousseau“, www.denkendglauben.de

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