Einleitung
Der Begriff „Wokismus“ leitet sich vom englischen Wort „woke“ – also „wach“ oder „erwacht“ – ab. Er nimmt für sich in Anspruch, ein gesteigertes Bewusstsein für soziale, rassistische und geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten auszudrücken. Weiter ist er Teil eines Denksystems, das „Verminderung von Diskriminierung“ zum Ziel hat und darauf abzielt, „systemische Herrschaftsverhältnisse“ zu analysieren und zu dekonstruieren.
Diese Bewegung wurde durch die „French Theory“[1] angestoßen. Sie ist also ein typisch europäisches Geisteskind, fand ihre erste praktische Anwendung vor allem in den Bürgerrechtskämpfen der Vereinigten Staaten und gewann dann weltweit an Bedeutung, als sie mit massiver Unterstützung von Regierung, Medien und NGOs[2] aus den USA wieder nach Europa exportiert wurde und nunmehr umfassendere Themen wie Feminismus, LGBTQI+, Klimagerechtigkeit und kulturelle Dekolonisierung integrierte.
Die Grundprinzipien dieser Strömung haben trotz des zuletzt zunehmenden anti-woken Diskurses die westliche Gesellschaft tief geprägt, sei es in ihrem Denken und Fühlen, sei es in ihrer täglichen Realität. Trotz gelegentlicher Rückschläge schreitet diese Bewegung voran und nutzt jeden Kompromiss als Ausgangspunkt für eine weitere Offensive. So hat der Wokismus die westlich-christlichen Institutionen, Mentalitäten und Werte unwiderruflich verändert.
Zentrale Ideen
Sie behauptet, es gebe keine objektive Wahrheit, sondern nur eine unendliche Folge von subjektiven Sichtweisen. Das stellt natürlich nicht nur den Wahrheitsanspruch des Christentums oder anderer Religionen infrage, sondern auch die Gültigkeit der Grundwerte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Er meint, auch nach dem Ende der Kolonialherrschaft der europäischen Mächte beuteten Europäer und Amerikaner den Rest der Welt aus. Die Ursachen der sozialen Nöte der Welt lägen ausschließlich in der Macht dieser früheren und jetzigen Ausbeuter. Die weißen Ausbeuter seien auch heute die Täter, die anderen die Opfer.
Sie besagt, dass Rassismus immer von Weißen ausgegangen sei, auch heute von Weißen ausgehe und sich immer gegen „People of Color“, also gegen farbige Menschen, richte. Dabei geht es nicht in erster Linie um persönliche Einstellungen einzelner Menschen, sondern es geht vorwiegend um strukturellen Rassismus. Von Weißen dominierte Gesellschaften seien immer Täter, „People of Color“ immer Opfer. „People of Color“ könnten darum nie rassistische Täter sein, weil sie ja immer Opfer des strukturellen Rassismus seien. Historische Tatsachen wie Sklaverei und Sklavenhandel durch Araber und andere Völker, die selbst zu den „People of Color“ gehören, werden bei dieser Beschreibung ignoriert. Israelis zum Beispiel gelten als Weiße, Palästinenser als „People of Color“. Darum könne es keine Hamas-Terroristen geben. Sie seien Opfer der weißen jüdischen Unterdrücker und dadurch Freiheitskämpfer in berechtigtem Widerstand. Auf diesem Hintergrund überrascht es nicht mehr, dass sich linke Gruppen mit islamistischen Gewalttätern gegen Israel solidarisieren. Auch Deutschland ist nach dieser postkolonialistischen Sicht ein strukturell rassistisches Land. Die Einstellung der Einzelnen ist dabei wenig entscheidend. Der Umgang der Deutschen mit den „People of Color“, also z.B. mit den Flüchtlingen aus Afrika und Asien, sei von strukturellem Rassismus bestimmt. So sei auch die Steuerung der Flüchtlingsbewegung rassistisch. Die Kritik am Islam sei demgemäß antimuslimischer Rassismus.
Wer sich für eine Gruppe von Benachteiligten einsetzt, müsse sich auch für alle anderen benachteiligten Gruppen einsetzen. Alle Unterdrückungen seien irgendwie miteinander verknüpft. Das hat manchmal wirre Folgen. Frauen gehören eigentlich zu der vulnerablen, verletzlichen Gruppe, „People of Color“ wie die Palästinenser auch. Aber israelische Frauen gehören nach dieser Logik zu den weißen westlichen Unterdrückern und Tätern. Sie sind also nicht Opfer wie die palästinensischen „People of Color“. Darum herrschte in der UNO lange peinliches Schweigen über die brutalen Vergewaltigungen und das Abschlachten israelischer Mädchen und Frauen durch Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023. Es hieß dann, diese grauenhaften Taten seien ja nicht im luftleeren Raum geschehen. Das ist die woke Erklärung. Die woke Ideologie ist voller Widersprüche. Darum spaltet sie gerade auch die Frauenbewegung. Klassische Feministinnen wehren sich heftig gegen die Auflösung der Geschlechter durch die Transgender-Bewegung und den Queer-Feminismus.
Diese besagt, dass durch Sprache Macht ausgeübt wird und gesellschaftliche Verhältnisse verändert werden. Mit Gender-Sternchen und Sprechlücken sollen Personen, die sich nicht als binär empfinden, sichtbar gemacht werden. Das ist eine Verballhornung und Pervertierung der Sprache.
Die Folgen
Die woke Bewegung ist keine radikale Neuerung. Sie reiht sich in eine langfristige historische Emanzipationsbewegung ein, die mit dem antichristlichen Humanismus der Renaissance begann und sich mit dem Materialismus der Aufklärung, dem Szientismus[4] des 19. Jahrhunderts und den sozialen Kämpfen des 20. Jahrhunderts fortsetzte.
Jede Epoche führte ihre eigenen Kämpfe gegen das, was sie als Bevormundung, Ungleichheit und Ungerechtigkeit verstand – in den meisten Fällen also die Tradition. Der Wokismus ist der extremste Ausdruck dieser Bewegung und zielt darauf ab, nach der weitgehenden Vernichtung von Tradition und Glauben jeden Begriff von absoluter Wahrheit und universeller Norm zu zerstören. Stattdessen stellt der Wokismus Relativismus, Subjektivität und die Vielfalt der Erfahrungen in den Vordergrund – und feiert diese Fragmentierung auch noch als Emanzipation.
Anhand folgender ausgewählter Aspekte wird deutlich, wie stark der Wokismus unsere Gesellschaft bereits infiziert hat.
Die LGBTQI+-Ideologie ist allgegenwärtig
Auch wenn die LGBTQI+-Ideologie[5] aufgrund ihres übertriebenen Aktivismus zunehmend auf Widerstand bei den breiteren Massen stößt, ist sie sehr einflussreich geworden.
Hier wurde versucht, die Überzeugung von der Zweigeschlechtlichkeit zugunsten einer fließenderen Vorstellung von Geschlechtsidentität zu zerstören. Diese Paradigmenverschiebung[6] wird so schnell nicht mehr rückgängig zu machen sein. So ist die LGBTQI+-Idee in den Medien heute allgegenwärtig und hat diese Identitäten dauerhaft in der breiten Öffentlichkeit etabliert.
Darüber hinaus wurden nicht-binäre[7] Partnerschaften fast überall in Europa juristisch legalisiert, und in vielen europäischen Staaten, allen voran Deutschland, ermöglichen Gesetze auch die Änderung des Personenstands durch einfache Willensäußerung, ohne dass eine medizinische oder psychologische Begründung erforderlich ist.
Zerrüttete Familien und sinkende Geburtenrate
So sind die grundlegenden Auswirkungen dieser Bewegung unumkehrbar: Die traditionellen Familienstrukturen sind zutiefst erschüttert, die klassische Ehe hat ihren sakralen Charakter verloren, die Geburtenrate sinkt. Die meisten Kinder werden außerhalb der Ehe geboren, und die traditionellen Rollen von Mann und Frau werden mittlerweile von nahezu allen Beteiligten bis auf einige wenige Ausnahmen als überholt angesehen.
Der Rückgang der kirchlichen und sogar der standesamtlichen Eheschließungen ist ein weiteres eindrucksvolles Beispiel dafür, während die Zahl der Alleinerziehenden und Patchwork-Familien zunimmt. Die einst klar getrennten Rollen von Vater und Mutter verschwinden zunehmend zugunsten einer missbräuchlichen wechselseitigen Ersetzung, was zu schweren Störungen bei der Bildung einer stabilen psychologischen Identität bei Kindern führt und noch Generationen belasten wird.
Der abendländische Selbsthass
Die „schwarze Legende“ von der Schuldhaftigkeit der europäischen Geschichte ist von dieser Bewegung fest im Bewusstsein der Menschen verankert worden. Dass dies gelang, ist bei einigen auf einen Mangel an Bildung zurückzuführen, bei anderen auf ein politisches Interesse. So wird Europa rückblickend immer noch als der große Schuldige an nahezu allen Ungerechtigkeiten der Welt in den vergangenen Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden dargestellt. Dieser Diskurs prägt mittlerweile das Bildungswesen und die Kultur so stark, dass eine Neuorientierung schwer sein dürfte.
Weiterhin hat Europa weitgehend eine Weltanschauung übernommen, in der Männlichkeit und Autorität häufig verteufelt werden. Auch eine Rückkehr zur Wertschätzung individueller Verantwortung oder die Förderung von Eigeninitiative und Risikobereitschaft scheinen derzeit kaum vorstellbar, da die Ablehnung von Autorität mittlerweile tief in unserer Zivilisation verwurzelt ist.
Die Multikulturalisierung ist in Europa bereits vollzogen
Die grundlegende Transformation der westlichen Gesellschaft ist durch die Migration bereits vollzogen. Damit geht Multireligiösität und besonders der wachsende Einfluss das Islam einher.
Durch das Schwinden des Christentums hat der Westen ein Identitätsproblem. Diese Verankerung der europäischen Identität ist nämlich letztlich im Christentum zu finden. So hat Europa in den letzten Generationen ein bizarres Bild seiner eigenen gestörten Identität gezeigt.
Kultur des Todes statt Kultur des Lebens
Abtreibung und „Euthanasie“ sind zu festen Bestandteilen unserer Gesellschaft geworden. Solange eine scheinbare medizinische „Lösung“ besteht, ist man oft nicht dazu bereit, ein ungewolltes Kind zu akzeptieren, einen physischen Schmerz zu ertragen oder den Tod bewusst auf sich zukommen zu lassen.
Auch bedingt durch den Individualismus und weil der Mensch fast alles rational kontrollieren möchte, möchte er auch die letzte Entscheidung tragen, auch wenn dies de facto auf Mord und Selbstmord hinausläuft. Diese Kultur des Todes ist mittlerweile so fest etabliert, dass selbst kleinste Reformen in die Richtung des Lebensschutzes massiv bekämpft werden und demokratisch kaum noch durchsetzbar sind.
Ähnliches ließe sich auch vom allgegenwärtigen Hedonismus sagen, der die Unfähigkeit widerspiegelt, über die individuelle Lusterfüllung und die Selbstbezogenheit mitsamt dem entsprechenden Kontrollwahn – wie beispielsweise bei der Vorstellung, man könne das Klima kontrollieren – hinauszugehen.
Die Kultivierung der Opferrolle im Kampf um Privilegien
Der Kult um die in einigen Bereichen angebliche Verfolgung von Minderheiten und die permanente Hervorhebung historischer Unterdrückungsphänomene verärgern zunehmend einen wachsenden Teil der Bevölkerung. Einzelpersonen, politische Gruppen und sogar große Unternehmen haben erkannt, dass die Haltung des unterdrückten Opfers mittlerweile ein wirksames Mittel ist, um Privilegien, Finanzmittel oder soziale Legitimität zu erlangen. Diese gefährliche und unwürdige Mentalität hat die europäische Kultur mittlerweile tiefgreifend verändert.
Eigenständigkeit, Fleiß, Dienstbereitschaft usw., früher hoch geschätzt, wurden durch ein geradezu masochistisches Rennen um Leid, Ungerechtigkeit und Marginalisierung ersetzt. Es ist eine permanente Suche nach Unterdrückung und nach Schuldigen. Dies ist alles andere als eine gute Voraussetzung für echte bürgerliche Solidarität in Zeiten von Krisen.
Schluss
Der Wokismus hat sich also dauerhaft in den gesellschaftlichen Strukturen und Denkweisen unserer Zivilisation verankert. Auch wenn er derzeit einen gewissen Rückschlag zu erleiden scheint, hat er Europa dennoch an den Rand des Abgrunds gebracht, vielleicht schon darüber hinaus. Tragisch ist, dass auch die großen Kirchen dieser Bewegung zum Teil zum Opfer gefallen sind. Auch wenn einige äußere Zeichen verschwinden mögen oder die eine oder andere Übertreibung zurückgenommen wird, sind die wesentlichen, dauerhaften Veränderungen bereits vollzogen. Europa ist transformiert worden. Der Wokismus hat viele Komponenten einer antichristlichen Religion und ist in vielen Bereichen ein Gegenkonzept zum Christentum.
Recht und Gerechtigkeit für benachteiligte Menschen müssen uns Christen selbstverständlich sehr viel angehen. Gott ist gerecht, er liebt Recht und Gerechtigkeit. Unsere Verantwortung als Christen für die Gesellschaft, in der wir leben, ergibt sich aus Gottes Auftrag an sein Volk. Es soll „der Stadt Bestes“ (Jeremia 29,7) suchen. Diese Aufforderung Gottes lässt der Prophet Jeremia in einem Brief an die Juden in der babylonischen Gefangenschaft überbringen. Obwohl die Stadt, in der sie lebten, nicht ihre Heimat war, sollten sie sich für deren Wohl einsetzen. Sie sollten den Frieden – im Hebräischen steht für „das Beste“ Schalom, Frieden – für die Stadt suchen und sollten für sie beten. Die Begründung ist ganz pragmatisch: „Denn wenn es ihr wohl geht, so geht es auch euch wohl.“
Jochen Klein
Selbstredend ist dieses Thema sehr komplex und konnte hier nur schlaglichtartig dargestellt werden. Zentrale Gedanken dieses Artikels basieren auf Arbeiten von David Engels sowie Yascha Mounk: Im Zeitalter der Identität. In der Onlinezeitschrift denkendglauben 3/2026 mit dem Thema „Als Christ in einem linken Zeitgeist leben“ sind Basisartikel und Rezensionen zu diesem Themenbereich abgedruckt (kostenlos abrufbar auf www.denkendglauben.de). Darüber hinaus finden sich auf der Website noch weitere Texte und Bücher zu diesem Themenkomplex. Auf Anfrage kann ich persönlich noch weitere Literatur dazu empfehlen.
[1] Ein Bestand postmoderner philosophischer, literarischer und sozialer Theorien.
[2] Im ursprünglichen Sinne ist eine NGO (Nichtregierungsorganisation) ein Interessenverbund, der sich selbständig organisiert. Sie verfolgt ein bestimmtes Thema oder Anliegen und ist nicht an den Staat gebunden. Heute finanziert der Staat etliche dieser Organisationen und sie werden so als Instrument der Staatspolitik eingesetzt.
[3] Intersektionalität bedeutet, dass sich verschiedene Formen von Diskriminierung – etwa Rassismus, Sexismus, Klassismus oder Ableismus – gleichzeitig überschneiden und verstärken können.
[4] Szientismus ist die Auffassung, dass sich mit wissenschaftlichen Methoden alle sinnvollen Fragen beantworten lassen.
[5] Diese Buchstaben stehen für verschiedene Gruppen von Menschen, die ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität auf unterschiedlichste Art und Weise ausdrücken.
[6] Paradigma: Denkweise in einem Bereich.
[7] Anders als männlich oder weiblich.

Impressum | Datenschutz
Copyright 2024 © Jochen Klein
Design & Programmierung: Ideegrafik Kreativagentur GmbH