Jochen Klein

denkend glauben

Texte und Materialien zum christlichen Glauben

Die Dekonstruktion des christlichen Glaubens

Worum es geht, was zerstört wird und wie wir darauf reagieren können

Was ist Dekonstruktion[1]? Der Begriff geht auf den Philosophen Jacques Derrida (1930–2004) zurück. Er stellte damit nicht nur gängige Auffassungen von Literatur und Sprache radikal in Frage, sondern zugleich auch die unausgesprochenen Voraussetzungen unseres Denkens. „Dekonstruktion“ meint nach Derrida die grundsätzliche und notwendige Unmöglichkeit eindeutigen und endgültigen Verstehens mittels Sprache. Derrida zufolge ist Sprache nie eindeutig, weil sich kein Wort eindeutig einer Bedeutung zuordnen lasse. Das, was wir zu verstehen glauben, wenn wir ein Wort hören oder lesen, sei ein von uns im jeweiligen Moment konstruiertes Verständnis, das sich entsprechend auch wieder de-konstruieren lasse. So lasse sich zeigen, dass demselben Wort mit gleicher Berechtigung auch andere Bedeutungen zugeschrieben werden könnten. Dekonstruieren lässt sich also nur, was zuvor als konstruiert behauptet wird.

Die Dekonstruktion folgt einem Programm der Destabilisierung von Bedeutungen und Zusammenhängen, das sich längst verselbständigt hat. Das Ziel ist u.a., dass biblische Maßstäbe und von Gott gegebene Institutionen verdrängt werden sollen, z.B. indem man Menschen und Institutionen, die solche Maßstäbe vertreten, (gesellschaftlich) ausgrenzt.

In Bezug auf (ehemals) bibeltreue Gemeinden und „Christen“ hat dieser Begriff heutzutage einen etwas anderen Schwerpunkt. Unter dieser Kategorie wird der Glaube vieler demontiert. Befremdlich ist dabei, dass „Dekonstruktion“ ein trendiger, postmoderner Ausdruck geworden ist, der sich im Westen herausgebildet hat. Er verlieh einem eher nüchternen und uralten Phänomen, nämlich der Abkehr vom Christentum, einen neuen, intellektuellen Anstrich von Raffinesse. Wie wir oben sahen, ist der Begriff Dekonstruktion nichts Fröhliches und nichts Befreiendes, sondern Ausdruck der Verzweiflung. Hier wird z.B. in der Macht von außen das Problem manipulativer Strukturen gesehen und deren Zerstörung als befreiend empfunden. Dies mündet dann in die Idee, dass wir nie frei sein werden, solange wir nicht frei von Gott sind. Dieses Freiheitsgefühl kann anfangs wie ein Rausch sein. Nachdem es aber abgeklungen ist, stellt es sich oft als ein Albtraum heraus, da die Verantwortung, sich selbst zu erschaffen, unausführbar und daher unerträglich ist.

In diesem Buch möchten die Autoren helfen zu verstehen, was in diesem Zusammenhang passiert und wie man mit Klarheit und Zuversicht darauf reagieren kann. Dabei sind unterschiedliche Kategorien wichtig: Manche, die den Glauben aufgeben, fühlen sich von Gemeinden oder Leitungspersonen verletzt oder auch durch Gebote der Bibel unterdrückt. Andere meinen, nach ihrer „Dekonstruktion“ eine höhere oder bessere Form des Glaubens für sich entdeckt zu haben. Eine Gemeinsamkeit ist aber, dass die Dekonstruktion viele weg von der Wahrheit der Bibel hin zu Agnostizismus, Atheismus, Humanismus oder gar Okkultismus führt.

Die Autorin Alisa Childers ist von diesem Thema existenziell betroffen, da sie einer Gemeinde angehörte, wo das Problem der Dekonstruktion akut war, sodass sie in eine Glaubenskrise kam. Nun setzt sie sich für das historisch-biblische Christentum ein. Tim Barnett ist Apologet und Redner. Er möchte Christen helfen, ihren Glauben klar zu durchdenken und zu kommunizieren.

Das Buch ist in drei Teile geteilt: Ex-evangelikal, Dekonstruktion und Hoffnung. Es hat 293 Endnoten und ist recht leicht zu verstehen. Das liegt auch an den vielen Geschichten und Begebenheiten, die die Inhalte veranschaulichen. Einige dieser Begebenheiten werden fast bis ins Banale konkretisiert, was an die Grenze zum Schwatzhaften führt. Als Hauptziel dieses Buches geben die Autoren an: „Das Phänomen der Dekonstruktion zu untersuchen und eine biblische Analyse und Kritik ihrer Methoden, Strömungen, Botschaften und Auswirkungen auf die christliche Gemeinde zu liefern“ (S. 22).

In Teil 1 wird beschrieben, wie sich Dekonstruktion in Häusern, Gemeinden und auf Social Media zeigt. Childers und Barnett reflektieren die Definition des Begriffs ausführlich und geben einen Überblick darüber, wie er sich in christlichen Zusammenhängen von einem Hashtag zu einem umfassenden Phänomen entwickelt hat, mit eigenen Konferenzen, Trainern und zahllosen Social-Media-Accounts. Es wird ausführlich dargelegt, dass es bei der Dekonstruktion nicht wirklich darum geht, irgendwelche Überzeugungen zu überdenken, sondern dass es ihr Hauptanliegen ist, das hinter sich zu lassen, was als „evangelikale“ Überzeugungen bezeichnet wird.

In Teil 2 gehen die Autoren den Einzelheiten auf den Grund. Sie analysieren die vielen Gründe, warum Menschen dekonstruieren, wie sie dekonstruieren und was sie dekonstruieren, und betrachten auch, wer dies tut. Dazu gehören manche bekannte evangelikale Persönlichkeiten. Sie bieten dann eine bessere Lösung für die quälenden Zweifel, schwierigen Fragen und falschen Vorstellungen, die viele Christen heimsuchen.

In Teil 3 schließlich konzentrieren die Verfasser sich darauf, wie wir die Menschen in unserem Leben, die sich in einer Dekonstruktion befinden, am besten lieben und ihnen helfen können.

Das Buch hat die Entwicklungen in Amerika zum Hintergrund. Da dieses Phänomen aber auch im deutschsprachigen evangelikalen Bereich zunehmend eine Rolle spielt,[2] ist es gut, dass dieses fundierte, differenzierte Werk in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Alles in allem handelt es sich also um ein empfehlenswertes Buch.

Jochen Klein

[1] Ausführlich dazu: „Kritisches zum (sprachlichen) Dekonstruktivismus“, www.denkendglauben.de

 

[2] Vgl. „Kritisches zur postevangelikalen Bewegung“, www.denkendglauben.de

Alisa Childers / Tim Barnett: Die Dekonstruktion des christlichen Glaubens. Worum es geht, was zerstört wird und wie wir darauf reagieren können. Dillenburg (CV) 2026 Paperback, 281 Seiten. ISBN 978-3-98963-035-2 , 22,90 Euro.
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