1985 veröffentlichte der bekannte amerikanische Medientheoretiker Neil Postman (1931–2003) das Buch Wir amüsieren uns zu Tode. An dieses Buch ist der Titel des vorliegenden angelehnt. Die Autoren nehmen zentrale Thesen Postmans (auch aus anderen Büchern), um davon ausgehend die aktuelle Bedeutung der Medien im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Situation zu reflektieren.
Postman nun schöpfte wesentliche Erkenntnisse aus den zwei dystopischen Romanen 1984 von George Orwell (1949) und Aldous Huyleys Schöne neue Welt (1932). Er kam zu dem Schluss, dass Huxley die Entwicklung der westlichen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts besser vorausgesagt habe, und schreibt: „Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, dass es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, dass wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Orwell befürchtete, dass die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxley befürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte. Orwell befürchtete, dass wir zu einer versklavten Kultur werden. Huxley fürchtete die Entstehung einer Trivialkultur, in deren Mittelpunkt Fühlfilme, Rutschiputschi, Zentrifugalbrummball und dergleichen stehen. Wie Huxley in Dreißig Jahre danach oder Wiedersehen mit der ‚Schönen neuen Welt‘ (Brave new World Revisited) schreibt, haben die Verfechter der bürgerlichen Freiheiten und die Rationalisten, die stets auf dem Posten sind, wenn es gilt, sich der Tyrannei zu widersetzen, ‚nicht berücksichtigt, dass das Verlangen des Menschen nach Zerstreuung fast grenzenlos ist‘. In 1984, so fügt Huxley hinzu, werden die Menschen kontrolliert, indem man ihnen Schmerz zufügt. In Schöne neue Welt werden sie dadurch kontrolliert, dass man ihnen Vergnügen zufügt.“
Postmann hatte damals das Fernsehen im Blick. Die Thesen lassen sich aber gut auf heutige Massenmedien anwenden. In den meisten seiner Arbeiten untersuchte er, wie Medien und Technologie die Bildung, die kindliche Entwicklung, die Politik und den öffentlichen Diskurs beeinflussen. Er interessierte sich jedoch auch dafür, wie das „Medium“ die „Botschaft“ der Religion und als heilig angesehene Texte beeinflusst.
Der Mitherausgeber McCracken schreibt: „Dieses Buch soll Sie zum Nachdenken über diese neuen Technologien anregen, unter anderem indem es Ihnen aufzeigt, wie diese unsere Denkweise verändern. Ausgehend von Postmans Wir amüsieren uns zu Tode werden die Autoren verschiedene Fragen, Herausforderungen und Chancen untersuchen, mit denen sich die Gemeinde in dieser für unsere Gesellschaft massiv prägenden technologischen Phase auseinandersetzen muss.“
Die Kapitel in Teil 1 („Postmans Einsichten, damals und heute“) stellen einige der Kernaussagen aus Postmans Buch Wir amüsieren uns zu Tode vor, insbesondere im Hinblick auf die Veränderungen, die seit der Veröffentlichung des Buches stattgefunden haben. Die Kapitel in Teil 2 („Praktische Herausforderungen für christliche Kommunikatoren“) wenden Postmans Konzepte insbesondere auf die Herausforderungen an, denen sich Verkündiger des Evangeliums (Prediger, Lehrer, Apologeten, Evangelisten) in unserem heutigen Kontext gegenübersehen. Schließlich wenden sich die Kapitel in Teil 3 („Als Gemeinde in einer Welt leben, die sich zu Tode scrollt“) von den negativen Herausforderungen den positiven Chancen zu und schlagen Wege vor, wie die Gemeinde eine radikale, lebensspendende Alternative zu den ungesunden Gewohnheiten der digitalen Welt sein kann. Die abschließenden Kapitel bieten einige positive Visionen – und praktische Empfehlungen –, die Hoffnung vermitteln.
In dem Buch sind also sechzehn Beiträge von zwölf Autoren zu diesem Themenbereich versammelt, die kleinschrittig gegliedert sind und, außer Prolog und Epilog, am Ende Diskussionsfragen enthalten. Sie berücksichtigen z.B. Bereiche wie dass Medien Denken verändern; süchtig machen; es leichter machen, sich selbst zu entblößen; Individualismus, Selbstvergötterung (Bleibe dir treu. Folge deinem Herzen. Finde dich selbst); das Potenzial zur Beschleunigung der Säkularisierung z.B. durch die Änderung theologischer Plausibilitätsstrukturen; apologetische Aspekte; Gesellschaftstheorie; die Macht der Technologie, das Denken zu prägen usw. Die Kapitel haben selbstredend leichte Überschneidungen, was aber nicht störend wirkt. Das Buch hat auf 25 Seiten viele Nachweise als Endnoten, einen Index und ein Bibelstellenregister. Der Sprachstil ist bildungssprachlich unter Einbeziehung von Fachvokabular, aber gut lesbar. Die Qualität liegt neben der fundierten Argumentation in der Verzahnung mit biblischen Belehrungen. Zur ergänzenden Begleitlektüre empfehle ich das Themendossier Als Christ im Medienzeitalter leben, das kostenlos auf www.denkendglauben.de heruntergeladen werden kann.
Im Epilog schreibt Ivan Mesa: „Unser Ziel war es. Einige Kluge Köpfe zusammenzubringen, um über die Herausforderungen und Chancen nachzudenken, denen die Gemeinde heute gegenübersteht. Ich vermute, dass wir in den kommenden Jahren zunehmend mehr Ressourcen wie diese benötigen werden, um der Gemeinde zu helfen, neue Wellen technologischer Veränderungen in Treue zu bewältigen.“ Dies ist m.E. den Herausgebern und Autoren gut gelungen. Insgesamt handelt es sich also um eine sehr nützliche Lektüre, die empfohlen werden kann und sollte.
Jochen Klein

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